Er starb am 7. März im Alter von 92 Jahren: Ein Diener der Kirche und der Menschen
In die Trauer um Altweihbischof Martin Wiesend mischt sich ein Gefühl der tiefen Dankbarkeit: Bis ins hohe Alter hatte er Herz und Ohren für die Nöte der Menschen. Auch wenn er durch seine körperliche Gebrechlichkeit die letzten Jahre ans Haus gefesselt war, pflegte er doch regen telefonischen und brieflichen Kontakt.
Waagschale
Zeit seines priesterlichen Lebens war er als Seelsorger, als Diener der Kirche und der Menschen gefragt. Mit Einfühlungsvermögen, Güte, Bescheidenheit und einem unerschütterlichen Glauben sprach er Mut zu, half, wo er konnte. „Du bist einer, der dient, der sich selbst in die Waagschale geworfen und sich nie zur Mitte gemacht hat“, würdigte ihn Generalvikar Alois Albrecht bei der Feier zu dessen 60-jährigem Priesterjubiläum. Und damit folgte Martin Wiesend nicht nur seinem Namenspatron, dem heiligen Martin von Tours, sondern auch der heiligen Theresia von Lisieux. Sie habe einfach gelebt und sei nicht von ihrer Liebe zu Gott abgewichen. Einer seiner früheren Kapläne, Prälat Klemens Fink, über Martin Wiesend: „Eine überragende herzliche Mitmenschlichkeit zeichnete ihn aus.“
„In meinem Leben sind keine Wünsche offen geblieben“, sagte Weihbischof Martin einmal selbst. Er habe sich nichts gewünscht – außer Priester werden zu können. Dabei sei „der Groschen nicht sofort gefallen“. Das vorbehaltlose Ja zum Priesterberuf habe sich erst entwickelt.
Stimmt, denn ganz so geradlinig verlief sein Lebensweg nicht zum Priesteramt. Der gebürtige Kulmainer studierte in München zunächst Jura und Volkswirtschaft, bevor er zur Theologie wechselte. Pater Rupert Mayer habe ihm auf diesem Weg geholfen, erinnerte sich Martin Wiesend dankbar.
Er bat im Regensburger Priesterseminar aber vergeblich um Aufnahme. Man wollte dort keinen Verbindungsstudenten, man zweifelte an seiner Berufung. Sein Kulmainer Heimatpfarrer fuhr kurzerhand mit ihm nach Bamberg, „ich kenne den Erzbischof Jacobus von Hauck“, habe der Pfarrer gesagt, „mit ihm habe ich in Vierzehnheiligen Karten gespielt“. Zwei Stunden lang unterhielt sich der Erzbischof mit dem jungen Martin – und nahm ihn in das Priesterseminar auf.
Am 31. Januar 1937 wurde Martin Wiesend zum Priester geweiht. Erste Stationen seines priesterlichen Wirkens waren Fürth und Oberailsfeld, bis er für 17 Monate in die Nürnberger Pfarrei Herz Jesu kam: „Ich habe mich immer dorthin schicken lassen, wo man mich gewollt hat. Man soll sich nicht zum Problem machen,“ blickte er einmal zurück.
Harte Jahre
Im November 1938 kam er nach Bamberg zurück. In schwerer politischer Zeit wurde er Präfekt am Erzbischöflichen Seminar Ottonianum. Gern dachte Martin Wiesend dann an die Jahre in der Nürnberger Pfarrei St.Theresia zurück, in die er 1944 gerufen wurde. Es sei zwar eine harte Zeit gewesen – er lebte drei Jahre in einem notdürftig ausgebesserten Haus in zwei Zimmern, eines davon war die Kapelle der Gemeinde –, doch er habe die Zeit nicht missen mögen. „Mit Gottes und des Nächsten Hilfe“ baute er eine fast völlig zerstörte Pfarrei wieder auf: Kirche, Pfarrhaus, Kindergarten waren zerbombt, die Katholikenzahl von 3000 auf 120 geschrumpft.
1962 wurde Martin Wiesend von Erzbischof Josef Schneider in das Bamberger Metropolitankapitel gerufen. 1967 folgte die Bischofsweihe. Fast ein Jahr lang, vom 13. Juli 1976 bis zum 27. Juni 1977, leitete er während der Sedisvakanz des Erzbischöflichen Stuhls als Kapitularvikar die Erzdiözese.
Als Martin Wiesend am 1. September 1985 auf eigenen Wunsch hin in den Ruhestand trat, konnte er auf 18 Jahre bischöflichen Dienst zurückblicken.
Neben seinem bischöflichen Einsatz in den Pfarrgemeinden galt sein besonderes Augenmerk der Priesterfortbildung und den Erzbischöflichen Seminarien. Sein Verdienst ist der Aufbau der diözesanen Informationsstelle für kirchliche Berufe sowie die Einrichtung der Abteilung Mission, Entwicklung, Frieden.
Als Dompropst war er Leiter der Dombaukommission, die für die Domrenovierung und liturgische Neugestaltung der Kathedrale verantwortlich zeichnete.
Vor allem den Arbeitern, insbesondere den jugendlichen Werktätigen, stand der Weihbischof nahe. Ungezählt sind seine Teilnahmen an Jugendtreffen, berühmt seine Gesprächsbereitschaft bei offenen Fragestunden der Jugend, vor allem bei Problemen der arbeitslosen Jugendlichen. Und auch den Priestern begegnete er mit brüderlicher Offenheit und helfender Aufmunterung bei seinen Besuchen in den Pfarreien anlässlich von Firmungen oder anderen festlichen Anlässen.
Wie groß die Anerkennung für seine geleistete Arbeit und wie beliebt Martin Wiesend war, zeigen die zahlreichen Auszeichnungen, die ihm zuteil wurden. Seine Heimatstadt Kulmain verlieh ihm 1967 das Ehrenbürgerrecht, 1971 wurde er mit dem Bayerischen Verdienstorden, 1987 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. 1979 ernannte ihn die Universität Bamberg zum Ehrendoktor der Theologie.
Quelle der Kraft
Was war die Quelle der Kraft für dieses überragende Leben? Sein bischöflicher Wahlspruch bringt es zum Ausdruck: „In verbo tuo...“, „Auf Dein Wort hin will ich das Netz noch einmal auswerfen.“ Es war die Liebe zu Jesus und zu seiner Kirche, es war die Bereitschaft für Jesus, das Vertrauen auf Jesu Beistand und seine Gnade.
„Auf dein Wort hin“ – das bedeutete für Martin Wiesend auch Gehorsam. Lassen wir ihn noch einmal selbst zu Wort kommen: „Ich durchschaue nicht alles, was Gott in der Welt mit uns will, wie er uns prüft und Lasten und Freuden auflegt. Darin sehe ich den Willen Gottes.“
Marion Krüger